Mit Hämophilie A eine Partnerin kennenlernen

Partner finden mit Hämophilie A

Ihr fragt Euch: Habe ich mit Hämophilie A eine Chance bei Frauen? Wie und wann soll ich ihr sagen, dass ich mit Hämophilie lebe?

Die erste Frage könnt Ihr sicher mit „Ja“ beantworten. Bei der zweiten Frage wird es schon kniffliger. Mein Mann hat als Jugendlicher und junger Erwachsener den einen oder anderen Korb bei der Damenwelt bekommen. Zudem fühlt man sich mit Krankheit, Gendefekt oder körperlichen Einschränkungen nicht unbedingt als Olympiasieger, der stolz seine Medaillen vor dem (weiblichen) Publikum präsentiert. Aber manchmal hilft einem auch das Leben oder Schicksal ganz unverhofft weiter. Als Beispiel möchte ich Euch die Geschichte meines Mannes und mir erzählen.

Kennenlernen am Arbeitsplatz

Wir haben uns 2008 an unserem Arbeitsplatz in einem IT-Unternehmen kennengelernt. Seit 2012 sind wir verheiratet. Als wir uns das erste Mal begegnet sind, wusste ich nach dem Small-Talk ziemlich schnell, dass Rainer Hämophilie A hat. Ihr denkt vielleicht: „So schnell? Da hat man doch von vorne herein keine Chancen.“ Tja, er hatte keine andere Wahl.

Er fiel mir auf, mit seiner speziellen Art zu gehen. Das scheint ein „Markenzeichen“ vieler Männer mit Hämophilie ab 50 Jahren und aufwärts zu sein. Kurz: Mein Kollege hinkte. Wenn er lief, bewegte er sich mit dem Oberkörper sehr stark von der linken zur rechten Seite, weil das stärker geschädigte Kniegelenk beim Laufen einknickte. Es wirkte so, als wäre das eine Bein kürzer als das andere.

Außerdem: Er hatte ein auffälliges Pflaster an der Armbeuge. Das Hinken und das Pflaster machten mich neugierig. Vielleicht wissen einige von Euch von ihren weiblichen Familienmitgliedern, dass Frauen manchmal sehr neugierig sein können. (Natürlich nicht alle. Ich möchte hier keine Vorurteile verbreiten. Allerdings: Die Zahl der neugierigen Männer, die mir in meinem Leben begegnet sind, kann ich an einer Hand abzählen. Bei den Frauen habe ich nie angefangen zu zählen.)

Autounfall und Impfung?

Jedenfalls wollte ich unbedingt wissen, warum mein Kollege hinkte und ein Pflaster trug. Als Grund des Hinkens vermutete ich einen Auto- oder Motorradunfall. Ich wollte nicht neugierig wirken und fragte mit Unschuldsmiene so beiläufig wie möglich: „Was ist mit Deinem Bein? Hattest Du einen Unfall?“ Ich erfuhr, dass er Bluter sei und die häufigen Einblutungen die Kniegelenke geschädigt hätten. Aha, er war also Bluter. Den Begriff Hämophilie kannte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Nun zum Pflaster an seinem Arm. Die Art wie der Tupfer eingerollt unter dem Pflaster befestigt war, erinnerte mich an meine Schutzimpfungen. Da hatte ich den gleichen Druckverband mit Pflaster bekommen. Deshalb dachte ich in diesem Augenblick: „Wow, der Mann hat sich ganz vorbildlich impfen lassen.“ Bei solchen Themen kenne ich von den männlichen Mitgliedern meiner Familie eher Aussagen wie: „Ach nee, keine Zeit.“ oder „Das lange Warten im Wartezimmer nervt.“ oder schlicht „Keine Lust.“ (Und nein, ich habe keine Vorurteile gegenüber Männern. Das sind alles meine persönlichen Beobachtungen. Dies kann in jeder Familie anders sein.) Zurück zur Neugier. Also wieder das Unschuldsgesicht aufgesetzt, vor Neugier fast geplatzt und ganz nebenbei gefragt: „Warst Du heute beim Impfen?“ Auch da wurde ich eines Besseren belehrt. Ich erfuhr, dass mein Kollege damals - im Gegensatz zu heute - als Bluter noch jeden zweiten Tag Faktor VIII spritzen musste.

Werbung auf den zweiten Blick

Nun wusste ich, dass er Bluter war, regelmäßig Faktor VIII spritzen musste und hinkte. Ok, das war nicht gerade die beste Werbung für ihn. Aber für mich zählte auch die andere Seite. Denn: Er machte einen Witz nach dem anderen, war hilfsbereit (er half mir mit dem Laptop und dem Einrichten der Programme) und sah meiner Meinung nach gut aus (gilt alles heute noch). Außerdem: Er konnte selbstständig laufen (er war von seinem Schreibtisch zu meinem gekommen), war mobil mit dem Auto (verrieten die Autoschlüssel an der Hose) und er war angemessen gekleidet. (Über die roten Karos auf dem Hemd habe ich großzügig hinweggeschaut. In der IT-Branche ist der Dresscode nicht so streng). Das ist schon eine ganze Menge Werbung. Ihr findet das alles selbstverständlich? Na ja, ich habe schon anderes in meinem Leben gesehen. Und das Pflaster am Arm, das die Einstichstelle verdeckte? Wen interessiert´s? Humpeln? Gibt Schlimmeres. Scheint ab einem gewissen Alter auch bei Menschen ohne Hämophilie A normal zu werden. Jeden zweiten Tag Faktor spritzen? Na und! Es gibt jede Menge Erkrankungen, für die betroffene Menschen regelmäßig Medikamente einnehmen müssen.

Hämophilie A muss man nicht verstecken

Nicht, dass Ihr mich falsch versteht. Ich möchte hier nicht die Hämophilie kleinreden. Die Herausforderungen im Alltag zu zweit kommen noch. Es ist mir aber wichtig, eine positive Sichtweise zu zeigen. Wenn Ihr Euch für Menschen interessiert, sprecht mit ihnen. Hämophilie A muss man nicht verstecken. Und wenn es mit der Herzensdame nicht funktioniert, dann sollte es vielleicht nicht sein. Auch das sollte man irgendwann dem eigenen Frieden und der Gesundheit zuliebe akzeptieren.


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