Sport bei Hämophilie A – wie finden Patienten die richtige Sportart?

Sport bei Hämophilie A

Prof. Dr. Dr. Thomas Hilberg ist Leiter des Lehrstuhls für Sportmedizin an der Bergischen Universität Wuppertal. Dort beschäftigt er sich seit über 20 Jahren mit Blutgerinnungsstörungen wie der Hämophilie. Sein Forschungsschwerpunkt liegt dabei auf dem Zusammenhang von Blutgerinnung und Bewegung. Er untersucht zum Beispiel, welche Sportarten und welche Formen der Sporttherapie besonders gut für Patienten mit Hämophilie geeignet sind und wie sich Bewegung auf die Lebensqualität und auf Schmerzen auswirkt – und genau darüber haben wir mit Ihm gesprochen.

Herr Professor Hilberg, warum ist es für Menschen mit Hämophilie wichtig, Sport zu treiben?

Generell ist es für alle Menschen wichtig, egal ob mit oder ohne Hämophilie, aktiv zu sein und sich zu bewegen. Wir wissen, dass Bewegung und sportliche Aktivität zur Vorbeugung und Rehabilitation von vielen Erkrankungen dient. Bei Menschen mit Hämophilie spielen besonders Gelenkveränderungen ähnlich der Arthrose eine wichtige Rolle. Diese entstehen infolge von Gelenkblutungen. Hier wissen wir, dass eine Sporttherapie Gelenkbeschwerden lindern und die Gelenksituation stabilisieren kann.

Welche positiven Effekte hat Sport bei Hämophilie?

Für Menschen mit Hämophilie stehen neben den positiven Einflüssen auf Herz, Kreislauf und weitere Organe besonders die positiven Effekte auf die Muskeln und Knochen im Vordergrund. Sport wirkt dem Abbau der Muskulatur, der Muskelatrophie, entgegen. Sport kann auch die Knochen stärken und den Gelenkstatus verbessern oder zumindest stabilisieren. Das richtige Bewegungstraining führt zu einer besseren Koordination, Kraft, Ausdauer und Flexibilität. Dies ist für viele erwachsene Personen mit Hämophilie bedeutsam, weil hier teilweise Defizite vorliegen. Sport kann auch dafür sorgen, dass weniger körperliche Probleme im Alltag auftreten und hilft, bestehende Probleme zu verringern.

Welche Sportarten eignen sich für Menschen mit Hämophilie? Wovon raten Sie ab?

Zuerst rate ich immer zu einer individuellen Beratung. So kann man genau auf einen Patienten eingehen und bei einem bestehenden Problem spezielle Hinweise geben. Allgemein lässt sich sagen, dass vor allem Sportarten geeignet sind, die kein oder nur ein sehr geringes Verletzungsrisiko haben. Zweitens ist es wichtig, dass die Sportarten nur eine geringe lokale Gewebebelastung haben sollten. Die Kraft sollte sich möglichst großflächig auf den Körper verteilen und nicht punktuell starken Druck auf einzelne Gelenke ausüben. Eine Sportart wie Walking wäre beispielsweise gut geeignet. Fußball ist ungeeignet, da das Verletzungsrisiko hier sehr hoch ist. Ein Beispiel für die geringe lokale Gewebebelastung wäre das normale Radfahren mit Helm. Sportarten mit intensiven Sprungbelastungen haben dagegen eine hohe lokale Gewebebelastung. Man sollte sich lieber moderat bewegen, statt intensiv.

Wie findet man den Sport, der zu einem passt? Worauf sollte man achten?

Die Beanspruchung durch den Sport muss zur individuellen Situation, Fitness und Sporterfahrung der Person passen. Wichtig ist, auf den aktuellen Zustand der Gelenke zu achten: Sind die Gelenke vorgeschädigt? Das können Patienten bei einer sportmedizinischen oder orthopädischen Untersuchung abklären lassen. Man sollte sich dafür an einen Spezialisten wenden, der sich mit dem Krankheitsbild der Hämophilie sehr gut auskennt. Auch wenn eine Person keine Beschwerden hat, kann es sinnvoll sein, sich dort vorher ein paar Informationen einzuholen. Außerdem sollte einem der Sport Spaß machen. Das ist die beste Voraussetzung, um dabeizubleiben. Es gibt so vielfältige Sportarten, von denen manche nur wenig bekannt sind. Sie können aber trotzdem viel Freude machen und vielleicht genau das beinhalten, was einem Patienten guttut. Daher lohnt es sich, sich umzuschauen und zu informieren.

Kann ich als Hämophilie-Patient einfach in einem Fitnessstudio mit dem Training beginnen?

Da es sich um eine seltene Erkrankung handelt, kennen sich Trainer im Fitnessstudio in der Regel nicht mit Hämophilie aus. Der Patient sollte sich also selbst möglichst gut auskennen und Wissen über Training und Belastung mitbringen. Auch hier ist eine sportmedizinische Beratung vorher sinnvoll, um geeignete Übungen zu finden und zu lernen, worauf man bei bestimmten Geräten achten muss.

Muss es immer Sport sein oder genügt auch einfach ein aktiver Alltag?

Im Alltag können wir viel Bewegung einbauen. Beispielsweise mit dem Smartphone Schritte zählen – daran kann man sich orientieren und vielleicht noch ein paar mehr gehen als bisher. Kleine Wege kann man statt mit dem Auto zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurücklegen. Aber auch Hausarbeit steigert den Energieverbrauch. Wir können auch über Tätigkeiten wie Gartenarbeit unseren Alltag aktiv gestalten. Das ist alles förderlich für unsere Gesundheit. Wenn es aber um Gelenkprobleme geht, muss es zielgerichteter sein. Dann benötigt man spezielle Übungen aus der Sporttherapie, die dabei helfen, das Gelenk zu stabilisieren. Diese Übungen können Patienten dann auch in ihren Alltag integrieren.

Was raten Sie Menschen in puncto Bewegung, die durch die Hämophilie eingeschränkt sind und zum Beispiel Gelenkprobleme haben?

Die Erfahrung zeigt, dass es für praktisch alle Patienten die passende Bewegungstherapie gibt. Also auch bei stärkeren Gelenkproblemen ist Bewegung möglich. Auch ein Patient mit Einschränkungen kann viel machen. Die Bewegung muss nur entsprechend angepasst werden. Das ist dann die Aufgabe der Sportmedizin sowie der Physio- und Sporttherapie.

Wann macht Physiotherapie bei Hämophilie Sinn?

Eine Physiotherapie ist bei Muskel- und Skelettproblemen sinnvoll. In der Zeit nach einer akuten Blutung ist eine Physiotherapie ein Muss. Nach der akuten Phase kann eine Physiotherapie dann langsam in eine Sport- und Bewegungstherapie übergehen. Auch hierfür wenden sich Patienten am besten an jemanden, der Erfahrung mit Hämophilie hat.


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