Mit Hämophilie A in der freien Wirtschaft arbeiten – Teil 2

Im ersten Teil des Artikels habt Ihr erfahren, wie Rainer vom Berufswunsch Profi-Musiker zur IT-Branche (Informationstechnik) gekommen ist. Auch welche Rolle die Familie dabei spielte, wie sein Berufseinstieg und der weitere berufliche Weg verliefen. In diesem Artikel erfahrt Ihr mehr über seine besonderen Bewerbungserfahrungen, die er mit Hämophilie A gemacht hat.

Rainer erzählt, weshalb er die IT-Branche für Menschen mit Hämophilie empfehlen kann. Außerdem gibt er Tipps, worauf man in diesem Arbeitsfeld achten sollte.

  1. Wie haben Deine Gesprächspartner auf das Thema Hämophilie im Bewerbungsgespräch reagiert?

Meine Gesprächspartner waren meistens erstaunt. Oft waren sie erst wortlos. Manche hatten von Blutern gehört. Aber eher durch Vorurteile, zum Beispiel, dass Bluter verbluten, wenn sie sich schneiden. Manche hörten sich die Erklärung neutral an und vermerkten es für die Personalabteilung. Andere wollten mehr über Hämophilie wissen und stellten interessiert Fragen.

2. Wie unterstützt Dich Dein jetziger Arbeitgeber, sodass Du mit den Einschränkungen durch die Hämophilie gut arbeiten kannst?

Meinen Arbeitstag regele ich selber, soweit ich nicht mit einer weiteren Person zusammen arbeiten muss. Wir haben Vertrauensarbeitszeit. Ich habe freie Hand, wie ich arbeite und meine Arbeitsaufträge erledige ich eigenverantwortlich. Wenn ich einen Termin beim Hämophilie-Zentrum habe, plane ich ihn ein und verteile meine Arbeit um den Termin. Mein Arbeitgeber lässt mich selbst entscheiden, ob ich ausreichend mobil an einem Tag bin, um Auswärtstermine wahrzunehmen. Durch die derzeitige Corona-Pandemie finden so gut wie keine Termine mehr beim Kunden vor Ort statt. Wir arbeiten im Moment fast ausschließlich digital von zu Hause.

3. Gab es Herausforderungen mit Kunden, Kollegen oder Vorgesetzten wegen der Hämophilie? Welche waren das und wie hast Du sie gelöst?

Da fällt mir nur ein Beispiel ein: Ich wurde ausgewählt als Berater für fünf Tage auf eine große IT-Messe zu gehen. Der Tag fing um 8 Uhr an und endete um 19 Uhr. Bei solchen Messen steht man den ganzen Tag. Das ist für meine Beine Gift. Als ich meine Problematik schilderte, bekam ich einen speziellen Hochsitz, sodass es aussah, als würde ich stehen. So war ich auf Augenhöhe mit den Interessenten und entlastete gleichzeitig meine Beine. Meine Kollegen übernahmen dann die Kundenansprache und schickten sie zu mir an den Platz. Das funktionierte sehr gut.

4. Welche Gründe gibt es für Menschen mit Hämophilie und entsprechendem Interesse in der IT zu arbeiten? Worauf sollte man achten, wenn man mit Hämophilie in diesem Bereich arbeitet?

Die IT-Branche ist eine innovative Branche, gerade wenn es um flexibles Arbeiten oder den digitalen Arbeitsplatz geht, der überall sein kann (nicht nur im Firmenbüro oder zu Hause). Wer gerne logisch und analytisch denkt und mit vielen Kunden arbeiten möchte, der ist in der IT gut aufgehoben. Sofern man im Außendienst ist, bekommt man einen Firmenwagen. Der öffentliche Verkehr ist zu anstrengend für geschädigte Gelenke und man kommt schnell in Zeitdruck, wenn man nur mit Bus und Bahn unterwegs ist. Man sollte eine dauerhafte Kühlung im Auto haben und eine kleine Kühltasche für die Medikamente, welche auch in Minibar-Schränke der Hotels passt (gerade im Sommer).

Sprecht mit Eurem Arbeitgeber offen und proaktiv über die Hämophilie. Erzählt, dass Ihr Hämophilie A habt, wie Ihr mit den Herausforderungen umgeht und wie Ihr Euch selbstständig versorgt bzw. was Ihr vorbereitet habt, wenn es zu einer Blutung kommt. Das signalisiert Verantwortung, Flexibilität, Organisationstalent und dass Ihr dazu steht. Wichtig ist, dass Ihr in diesem Beruf ausreichend Bewegung einplant, weil man viel sitzt.

In der IT werden händeringend Fachkräfte gesucht und die Bezahlung ist sehr gut. Man kann sehr frei arbeiten und kommt viel herum, wenn man das möchte. Dabei lernt man viele verschiedene Menschen und Unternehmen kennen. Das ist sehr spannend. Wer nicht gerne ständig unterwegs sein möchte, diesen Bereich aber trotzdem interessant findet, für den gibt es natürlich auch interne IT-Stellen mit weniger Kundenkontakt (z. B. Produktentwicklung, Service Desk, Service Operation oder Infrastrukturmanagement).

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