Auszeit in Thailand mit Hämophilie A (Teil 2)

Ihr erinnert Euch an meine mehrmonatige Auszeit in Thailand mit Hämophilie A ? Davon habe ich in dem ersten Teil meines Beitrags bereits erzählt. Hier erfahrt Ihr, wie es weiterging.

Meine Kumpels waren bereits alle abgereist, aber ich blieb noch in Thailand, zusammen mit einem Bekannten. Wir beide haben die restlichen Wochen gemeinsam Land und Leute kennengelernt. Dabei waren wir beide häufig mit Taxen und Bussen unterwegs und unternahmen viel „auf eigene Faust“. Bei mir lief damals wirklich alles ohne Nachdenken ab ... „Hauptsache Spaß haben“ war meine Devise.

Ungekühlter Faktor: Keine Idealbedingung

Während unserer Reise nahmen wir mal hier und mal dort ein Appartement: Je nachdem, wo es gerade günstig, angesagt und nötig war. In den Appartements war eine Kühlung meines Faktors nicht gegeben. Dazu kamen die hohen Außentemperaturen. Ich hatte mir noch nicht einmal eine Kühltasche mit ein paar Akkus für diesen Aufenthalt organisiert. Naja, ich hatte diesen langen Trip ja auch unüberlegt und ohne wirklich nachzudenken gebucht. Also Augen zu und durch – wird schon irgendwie. Damals habe ich auch kein bisschen an die eventuellen Folgeschäden gedacht. Mir war das alles egal – getreu dem Motto: „Wird schon und passt schon!“ Ich dachte ja eh immer, dass ich alles irgendwie hinbekomme. Nur gestaltetet sich das IRGENDWIE mit der Zeit immer schwieriger.

Filmreife Auszeit mit Hindernissen

Mein Bekannter und ich waren non-stop unterwegs, Tag und Nacht, egal wo und wie lange. Denn schließlich war das MEINE Auszeit von allem. Manche unserer Unternehmungen waren wirklich grenzwertig – manchmal schon filmreif. Aber nicht die Auszeit von Blutungen und Schmerzen.

So gut es ging, spritzte ich mir Faktor, aber eher unregelmäßig und eigentlich nur dann, wenn es gar nicht anders ging, denn Faktor war bereits Mangelware. In dieser Zeit hatte ich außerdem keinen oder nur kaum Kontakt nach Deutschland, denn es gab keine Handys oder weitere Alternativen. Das Einzige, was es gab, waren Teleshops, von denen aus man telefonieren konnte. Die Frage war nur: Kommt man auch nach Deutschland durch und zu was für einen Kurs?

Denn auch meine finanziellen Mittel waren mittlerweile erschöpft. Zu dem Dilemma meiner knappen Faktorvorräte kam auch noch hinzu, dass ich mir Geld beschaffen musste. Und das tat ich: Von einem Bekannten bekam ich Geld geliehen, sodass ich die letzten Tage in Thailand finanziell versorgt war.

Mittlerweile hatte ich auch kurz Kontakt nach Deutschland herstellen können. Man teilte mir mit, dass diverse Post vom Arbeitsamt eingetrudelt war, aber das störte mich nicht.

Das Ende naht ...

Trotz mittlerweile großer Schmerzen in den Sprunggelenken und vielen Einblutungen, auch in den Ellbogengelenken, war ich weiterhin mit meinem Bekannten viel unterwegs – vor allem zu Fuß.

Der Faktor nahm immer mehr ab, und zum Schluss hatte ich gar nichts mehr davon vorrätig – dafür aber Blutungen, die dringendst hätten versorgt werden müssen. Ich biss die Zähne zusammen und dachte mir so: „Ey Alter, jetzt wird’s aber Zeit, ‘nen Flieger nach Deutschland zu chartern und unbedingt Faktor spritzen.“

Teurer Spaß: Hämophilie-Medikamente in Thailand

In Thailand Faktor zu bekommen, war echt ein Abenteuer und für mich finanziell nicht machbar, denn da musste man alles selbst bezahlen. Also wurde darauf verzichtet. Ich hatte eh kaum noch Geld. Es reichte gerade mal noch für die letzten zwei Tage, ein Hotelzimmer und das Taxi zum Flughafen.

Doch der Tag der Abreise kam. Eine sehr aufregende und spannende Zeit war vorbei – und das war auch gut so. Ich stieg in Bangkok mit einer immensen Blutung im linken Sprunggelenk ein und musste zwangsläufig 16 Stunden Flug überstehen. In Berlin angekommen bin ich direkt zu meinen Eltern gefahren. Sie waren froh, dass ich zurück war. Denn diese beiden haben meine längere Auszeit von drei Monaten Thailand im Hinblick auf meine Hämophilie nicht gut gefunden.

Den Denkzettel meines jugendlichen und unüberlegten Handelns bekam ich postwendend: Ich hatte keine Krankenversicherung mehr, die Zeit beim Arbeitsamt war verstrichen und alles war auf null. Und meine bestehende heftige Blutung musste dringendst versorgt werden.

Spontan fuhr ich in mein damaliges Hämophilie-Zentrum, erklärte dort die Sachlage und man versorgte mich mit Faktor. Gott sei Dank!! Nach langer Auseinandersetzung mit der Krankenkasse war ich dann auch wieder versichert und suchte nach einem neuen Job.

Besser vorausplanen bei Hämophilie A

Mein Fazit: Als Hämophilie-Patient eine Abenteuerreise auf unbestimmte Zeit zu machen, ist zwar möglich, aber nur dann, wenn man alles genauestens plant und immer seine Medikamente im Blick hat. Man sollte tatsächlich auch vorab klären, wo man im Notfall und zu welchen Bedingungen Faktor bekommen könnte.

Ich bin an dieses Abenteuer mit viel Unüberlegtheit und Leichtsinn herangegangen. Klar, es war eine spannende und aufregende Zeit, die ich mir gegönnt habe. Aber unter dem Aspekt der Gesundheit, Zugehörigkeit zu einer Krankenkasse, Behandlung im Notfall und so weiter sollte ein Hämophilie-Patient NIEMALS einfach so losziehen, um die Welt zu erkunden.

Mein Leichtsinn und meine unbeschwerte Einstellung damals, nach dem mein Motto „Ich mach das schon irgendwie“: All das forderte aber seinen Tribut in Form von Gelenkschäden. Denn wenn Blutungen nicht gleich und ausreichend behandelt werden, dann hat man das Nachsehen – leider!


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