Meine ersten Erfahrungen – Skepsis und Unsicherheit
Ich erinnere mich noch genau: Mit zwölf Jahren bekam ich nach meiner letzten großen Gelenkblutung zum ersten Mal Physiotherapie verschrieben. In meinem Kopf war das etwas, das nur ältere Menschen machen. Ich fand es damals komisch, dort Übungen vor anderen zu machen, und meine Skepsis war entsprechend groß. Tatsächlich bestätigten sich meine ersten Eindrücke. Schon damals ahnte ich, dass der Weg zur Verbesserung lange dauern würde. Muskulatur baut sich eben nicht über Nacht auf. Die Übungen, die ich zu Hause mehrmals die Woche machen sollte, empfand ich eher als Last. Ich habe Sie oft ausgelassen. Sport machte mir zu dieser Zeit generell keinen Spaß, und die langweilige Physiotherapie bestärkte mich in meiner Überzeugung, dass Bewegung einfach nichts für mich ist.
Wendepunkt: Tanzen statt Schmerzen
Das änderte sich erst, als ich mit 16 Jahren das Tanzen für mich entdeckte (wie das genau für mich war, könnt ihr hier nachlesen). Von da an verbesserte sich meine Schmerzsituation deutlich. Bevor ich mit dem Tanzen begann, konnte ich kaum eine Stunde durch die Stadt gehen, ohne vor Schmerzen pausieren zu müssen. Nach einiger Zeit intensiveren Trainings waren schließlich sogar mehrstündige Wanderungen ohne Beschwerden möglich. So schnell, wie das klingt, ging es natürlich nicht. Es dauerte rund zwei Jahre, bis sich mein Zustand wirklich besserte. Weil mir Tanzen aber so viel Spaß machte, empfand ich diese Zeit nicht als mühsam. Es lohnt sich, dranzubleiben und in die eigene Gesundheit zu investieren.
Zurück zur Physiotherapie – ein neuer Anlauf
In der Zeit von 2016 bis 2024 habe ich tatsächlich keine Physiotherapie gemacht. Ich habe zu dieser Zeit nicht wirklich den Mehrwert gesehen, jedoch auch nicht die zur Verfügung stehenden physiotherapeutischen Mittel komplett ausgereizt. Im Jahr 2024 begann ich nach einer längeren Pause wieder mit der Physiotherapie. Es war eher ein Zufall, da mir mein Behandler empfahl, es noch einmal zu versuchen. Dank des langfristigen Heilmittelbedarfs, den es seit 2021 für hämophile Arthropathie gibt, konnte ich unbegrenzt Rezepte erhalten. Ich bin froh, dass das mittlerweile möglich ist, denn mit den oft nur 20 Minuten langen Terminen, die die Krankenkasse bezahlt, ist einem oft leider nicht viel geholfen. Der langfristige Heilmittelbedarf ist also ein echter Segen für mich. Auch wenn meine Schmerzsituation damals bereits gut war, wollte ich meine Fortschritte ausbauen. Mein Ziel war es, die wöchentlichen Schmerzen weiter zu verringern und gezielt Muskulatur aufzubauen. Besonders mein linkes Bein war durch eine jahrelange Schonhaltung schwächer als das rechte. Diese muskuläre Ungleichheit störte mich nicht nur optisch, sondern belastete vermutlich auch meine Gelenke zusätzlich.
Fortschritte, Frust und neue Motivation
Ganz ehrlich: Der sichtbare Fortschritt ist manchmal kleiner, als ich mir wünsche. Nach über einem Jahr regelmäßiger Physiotherapie gibt es Tage, an denen ich frustriert bin. Mein Gelenk ist mittlerweile mechanisch durch einen Osteophyten (Knochenauswuchs) blockiert, sodass Physiotherapie allein die volle Bewegungsfreiheit nicht zurückbringen kann. Und trotzdem hat sich viel getan. Meine Muskulatur ist stärker geworden, ich bewege mich sicherer und entlaste meine Gelenke spürbar. Besonders Balanceübungen auf einem Bein trainieren die feine Stabilitätsmuskulatur, was mir im Alltag Selbstvertrauen und Sicherheit gibt.
Krankengymnastik am Gerät und manuelle Therapie – eine starke Kombination
Aktuell mache ich einmal pro Woche Krankengymnastik am Gerät (KGG). Dort trainiere ich eine Stunde lang unter Anleitung mit drei Mitstreiterinnen nach einem individuellen Plan. Die Mischung aus Geräten, freien Gewichten und angepasster Intensität motiviert mich sehr – vor allem, weil meine Physiotherapeutin mich regelmäßig mit neuen Herausforderungen fordert und das gar nichts mehr mit dem „alten Image“ einer Physiotherapie zu tun hat. Ich komme bei den Übungen immer richtig ins Schwitzen. Zusätzlich habe ich eine Doppeleinheit manuelle Therapie. Dabei arbeitet sie gezielt an meinem beanspruchten Sprunggelenk, um Stoffwechselprozesse anzuregen und die verkürzte Wadenmuskulatur zu lockern. Besonders nach diesen Behandlungen fühlt sich mein Gelenk spürbar geschmeidiger an, und die Schmerzen nehmen nochmals ab. Zusätzlich zu meiner intensiven Physiotherapie versuche ich mindestens dreimal pro Woche noch ins Fitness-Studio zu gehen und teilweise die Übungen der KGG dort zu wiederholen, damit der Fortschritt noch größer wird.
Mein Fazit: Geduld zahlt sich aus
Ich kann allen nur raten, Physiotherapie als Chance zu sehen – vor allem, wenn sie über den langfristigen Heilmittelbedarf möglich ist. Wichtig ist jedoch, die passende Praxis zu finden. Am besten testet man zunächst ein Rezept, bevor man langfristig Termine vereinbart. Besonders hilfreich ist es, wenn Therapeutinnen und Therapeuten im Bereich Hämophilie weitergebildet sind, auch wenn das leider noch selten vorkommt. Vielleicht lässt sich während der Behandlung sogar anregen, eine solche Fortbildung zu absolvieren. Es gibt sogar eine spezielle innovative Schulungsreihe für Physiotherapeuten, die sich auf die Behandlung von hämophiliebedingten Begleiterkrankungen spezialisieren möchten. Falls Ihr diese Infos an Euren Physiotherapeuten weitergeben möchtet, findet Ihr weitere Informationen unter https://www.haemmotion.de/. Heute fühle ich mich in meiner Praxis sehr gut aufgehoben. Über die Zeit ist dort eine enge und vertrauensvolle Beziehung entstanden, und es macht mir mittlerweile richtig Freude, zur Behandlung zu gehen.
Alles braucht seine Zeit, das gilt besonders für die Physiotherapie. Doch wer dranbleibt, wird belohnt. Bewegung hat die Kraft, Schmerzen zu lindern. Das spüre ich jedes Mal aufs Neue.
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