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Weisheitszähne entfernen mit Hämophilie

Ich bin Tanja und mein Sohn Jonas lebt mit schwerer Hämophilie A. In diesem Beitrag erzähle ich Euch von unseren vier Anläufen, bis Jonas seine Weisheitszähne endlich sicher entfernen lassen konnte.

Die Entfernung der Weisheitszähne von Jonas stand zum gleichen Zeitpunkt an, an dem wir das Hämophilie Zentrum wechseln sollten. Daher dachten wir, wir lassen diese schnell noch im Kinder-Hämophilie-Zentrum entfernen. Denn da wurden auch schon die Weisheitszähne meiner Tochter, die Konduktorin ist, entfernt und das ist dort sehr gut gelaufen. Leider kamen bei Jonas dann aber Corona und ein Kreuzbandriss dazwischen, sodass sich zeitlich leider alles verschoben hat. Aber okay, da konnte man nichts machen, wir versuchten es dann im neuen Hämophilie-Zentrum. Gesagt – getan: Wir sprachen das Thema dort an und man erklärte uns, das wäre kein Problem. Wir sollen in die Zahnklinik gehen und uns dort einen Termin holen. Zudem besprachen wir auch, dass wir vom Hämophilie-Zentrum einen Substitutionsplan bekommen würden. 

Alles geplant – und dann die Absage

Wir sind dann in die Zahnklinik und haben uns dort einen Termin geholt, um alle vier Zähne auf einmal entfernen zu lassen, da der Zahnarzt meinte, das wäre kein Problem. Eine Woche bevor der Termin stattfinden sollte, bekamen wir eine E-Mail, dass der Termin so nicht stattfinden kann, weil das alles zu kurzfristig wäre. Es würde wohl doch länger dauern, die Medikamente zu bestellen. Und überhaupt wäre alles nicht so einfach, und wir bräuchten noch mal einen Gesprächstermin. Ich versuchte per E-Mail Kontakt mit dem Arzt aufzunehmen, da wir gerade im Urlaub waren, um diesen darüber zu informieren, dass wir die Weisheitszähne unbedingt zu diesem Zeitpunkt entfernen lassen wollten. Schließlich war der Termin bereits mit dem Ausbildungsbetrieb von Jonas abgesprochen, und es hätte mit der Transition gepasst. Doch leider wurde der Termin abgesagt.

Nächster Anlauf

Somit mussten wir leider Termin Nr. 2 ausmachen. Der sollte ein paar Monate später stattfinden. Kurz bevor dieser Termin anstand, hatten wir ein Narkose-Gespräch. Dort sprachen wir an, dass Jonas – je nach Blutung – wohl für ein paar Nächte stationär bleiben muss und dass Medikamente bestellt werden müssen. 

Mit dem Hämophilie-Zentrum hatten wir das auch alles so besprochen und der Termin rückte näher. Ein paar Tage vor der OP kamen wir durch Zufall darauf, dass die stationären Betten nicht direkt in der Zahnklinik sind, sondern in der BG Klinik (medizinische Versorgungseinrichtung der gesetzlichen Unfallversicherung). Nach Rücksprache mit der BG Klinik wurde festgestellt, dass im Zeitraum der OP keine freien Betten mehr vorhanden waren. Somit wurde auch dieser Termin storniert.

Zwischen Frust und Hoffnung

Nach einiger Zeit wurde dann Versuch Nr. 3 angesetzt. Diesmal drängten wir darauf, dass das Hämophile-Zentrum auch direkt mit der Zahnklinik in Kontakt treten sollte und andersrum. Als alles fix war und der Termin feststand, bekam Jonas zwei Tage vor dem geplanten Eingriff Fieber.

Wieder ein paar Monate später startete Versuch Nr. 4. Diesmal waren alle etwas angespannt. Jonas, inzwischen 20 Jahre alt, schickte ich diesmal allein in die Zahnklinik los. Er kam zu einem wohl recht jugendlich eingestellten Zahnarzt, der meinte: „Bei uns ist noch nie jemand verblutet.“ Und vier Weisheitszähne auf einmal zu entfernen sei Standard. Jonas sagte dann darauf: „Ich habe keine Angst vor dem Verbluten, aber ich habe Hämophilie und bin auf meine Medikamente angewiesen, damit die Wunden wieder schnell verheilen.“ Daraufhin schaute er kurz in seinem PC etwas nach und sagte zu ihm, dass man vor der OP sein altes Medikament verabreichen würde. Jonas meinte dazu: „Nein, ich habe doch inzwischen das Medikament umgestellt.“ Der Zahnarzt meinte aber: „Medikament ist Medikament, da machen wir nicht lange rum. Wir bestellen das schnell und das passt schon.“ 

Als Jonas nach Hause kam und mir das erzählte, nahm ich sofort Kontakt mit dem Hämophilie-Zentrum auf und fragte dort nach. Ich bekam dort die Information, dass sie noch einen Substitutionsplan für die Zahnklinik erstellen würden und darin alles genau beschrieben wäre. Kurz vor dem vierten Narkose-Gespräch bekamen wir von einer Sekretärin der Klinik einen Anruf auf den AB, dass der Zahnarzt ausrichten lasse, dass man nicht alle vier Weisheitszähne auf einmal, sondern jeweils zwei entfernen werde. Das war so eigentlich nicht besprochen, aber da wieder das Narkose-Gespräch anstand, wollten wir das dort klären. 

Endlich geschafft – OP gemeistert

Das Narkose-Gespräch mit dem Arzt verlief absolut auf Augenhöhe. Super war auch das anschließende OP-Gespräch mit einem richtig tollen Zahnarzt. Dieser ging auf Jonas ein und sprach sehr einfühlsam mit ihm. Danach dachte ich mir: „So, alles ready“, aber ein Gedanke kam mir doch noch in den Sinn: „Ich glaube das alles erst, wenn ich die vier Zähne in der Hand halte.“ 

Am Morgen der OP, wir mussten um 6 Uhr vor Ort sein, waren wir beide relativ entspannt. Zuerst ging es zur Anmeldung, dann weiter zur Blutabnahme. Die Dame dort sagte uns dann: „Wenn alles zuschwellen wird, kann man immer noch eine Magensonde legen, aber davon gehen wir nicht aus.“ Jonas wurde ganz aufgeregt neben mir und meinte: „Davon hast du mir nichts erzählt.“ „Davon war auch nie die Rede“, antwortete ich ihm. Auf Station angekommen, hatten wir einen anderen Zahnarzt als beim Vorgespräch, der sagte: „Wir machen jeweils zwei Zähne raus, zuerst unten, dann oben.“ Jonas erwiderte sofort: „Nein, ich möchte bitte alle vier auf einmal entfernen lassen.“ Er schreibe es in den PC, meinte der Arzt darauf nicht ganz freundlich. Um 11:30 Uhr wurde Jonas dann endlich abgeholt und in den OP-Bereich gebracht. Nach diesem emotionalen Stress ging ich erst mal eine Runde spazieren. So gegen 14 Uhr, ich saß inzwischen im Zimmer von Jonas, kam eine Schwester rein und fragte mich, ob ich ihn im OP-Bereich mit abholen möchte. Ich ging mit und das Erste, was ich ihn fragte, war: „Wie gehts Dir?“ Jonas hielt den Daumen hoch. Zweite Frage: „Wurden alle vier Zähne entfernt?“ Wieder Daumen hoch – was war das für eine Erleichterung für mich. 

Gut gelaufen, aber noch Luft nach oben

Im Zimmer angekommen, schaute ich nochmal den Substitutionsplan durch und gab die Termine in meinen Handykalender ein, um nichts zu vergessen. Dabei las ich auch, dass man nach der OP Tranexamsäure als Mundspülung verabreichen solle. Ich bin gleich los in das Schwesternzimmer und fragte dort, warum er das nicht bekommt. Darauf bekam ich die Antwort: „Bekommt bei uns nie jemand.“ Ich fragte dann, ob denn schon mal ein Patient dabei war, der auch Hämophilie hatte. Darauf bekam ich zur Antwort: „Nein. Und normalerweise wird das auch ambulant gemacht.“ Ich rief anschließend gleich im Hämophilie-Zentrum an, und die nette Dame am Telefon versprach mir, dass sie sich darum kümmern werde, was auch geschah. Jonas bekam ziemlich zeitnah diese Mundspülung, aber mit der schnippischen Bemerkung, dass man sich nächstes Mal bei ihnen melden solle und nicht in der anderen Klinik anrufen.
Er musste insgesamt drei Nächte zur Beobachtung in der Klinik verbringen.

Alles in allem betrachtet verlief die OP letztendlich recht gut und er hatte keine Nachblutungen. Montags, als er aus der Klinik entlassen wurde, bekam er einen Brief in die Hand gedrückt und eine Krankmeldung. Es wurde nicht mal mehr in den Mund geschaut, was ich echt sehr enttäuschend fand. Ich denke, dass da noch Luft nach oben ist, in der Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Abteilungen bzw. den unterschiedlichen Klinik-Bereichen. 

Gleichzeitig hat uns dieser langwierige und holprig verlaufende Weg zur Zahn-OP einmal mehr gezeigt, wie wichtig es ist, die eigene Hämophilie und die Besonderheiten bei Operationen zu kennen. Ebenso entscheidend ist es, das Hämophilie-Zentrum frühzeitig in die Planung einzubeziehen, damit alle Beteiligten gut informiert sind, die Organisation glatt läuft und eventuelle Komplikationen vermieden werden können.

Im Beitrag „Perioperatives Management bei Hämophilie A” erfährst Du alles Wissenswerte rund um eine optimale OP-Vorbereitung und die Zeit danach – inklusive praktischer Checkliste.

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