WAS IST HÄMOPHILIE ?

Fragen und Antworten rund um Hämophilie

Hämophilie A ist eine angeborene Blutgerinnungsstörung. Früher wurde sie oft als „Bluterkrankheit“ bezeichnet. Das Wort „Hämophilie“ kommt aus dem Griechischen und bedeutet Blutungsneigung: Menschen mit Hämophilie A bluten länger als gesunde Menschen.

Inhaltsverzeichnis

Hämophilie ist eine angeborene Blutgerinnungsstörung, oft auch „Bluterkrankheit“ genannt. Das Wort „Hämophilie“ kommt aus dem Griechischen (haima = Blut, philia = Neigung) und bedeutet Blutungsneigung. Menschen mit Hämophilie kommen mit einem Defekt der Blutgerinnung auf die Welt, wodurch sie schneller und länger bluten als andere Menschen. Hämophile bilden einen von mehreren Blutgerinnungsfaktoren zu wenig oder gar nicht, wodurch ihr Blut langsamer gerinnt.

Blutgerinnungsfaktoren sind hauptsächlich von der Leber gebildete Eiweißstoffe, die wichtig für die Blutstillung und den Wundverschluss sind.

Da die Blutgerinnung nicht vollständig abläuft, werden Wunden nicht fest verschlossen – weshalb auch kleine Verletzungen zu schweren Blutungen führen können. Bei einer schweren Hämophilie kann es zu Spontanblutungen kommen. Das sind Blutungen, die ohne äußere Einflüsse in Organen, Muskeln und Gelenken entstehen. Unbehandelt kann eine Hämophilie lebensbedrohlich sein. Heutzutage gibt es zahlreiche Behandlungsmöglichkeiten, die betroffenen Personen ein aktives Leben und eine nahezu normale Lebenserwartung ermöglichen.

An Hämophilie A erkranken fast ausschließlich Männer – etwa einer von 5.000 männlichen Neugeborenen kommt mit dieser Krankheit zur Welt.

Ursache der Hämophilie

Hämophilie ist eine genetische Erkrankung. Das heißt, Kinder können die Veranlagung für die Blutgerinnungsstörung von ihren Eltern erben. Um zu verstehen, weshalb nur manche Menschen Hämophilie bekommen und weshalb nur Mütter die Erkrankung an ihre Söhne weitergeben können, ist es hilfreich, sich die Grundlagen der Vererbung anzuschauen.

Wie funktioniert die Vererbung?

Die Grundlage der Vererbung liegt in der Weitergabe des Erbguts von Eltern an ihre Kinder. Alle Informationen über unseren Körper sind im Erbgut, der DNA, gespeichert. Der DNA-Abschnitt, der eine Information trägt, heißt auch Gen. In den Körperzellen befindet sich das Erbgut in Form von Chromosomen im Zellkern. Menschen besitzen in der Regel 46 Chromosomen: 23 von der Mutter und 23 vom Vater – sie liegen jeweils als Chromosomenpaar vor. Ein Paar bilden die Geschlechtschromosomen (Gonosomen): das X- und das Y-Chromosom.

Frauen besitzen zwei X-Chromosomen, jeweils eins von der Mutter und eins vom Vater. Männer hingegen haben ein X- und ein Y-Chromosom. Das X-Chromosom bekommen Männer von ihrer Mutter und das Y-Chromosom vom Vater.

  • Chromosomensatz eines Mannes: 46,XY
  • Chromosomensatz einer Frau: 46,XX

Weshalb haben überwiegend Männer Hämophilie?

Die Information für die Bildung der Blutgerinnungsfaktoren liegt auf dem X-Chromosom. Mutationen können zu Fehlern im Erbgut führen und die gespeicherten Informationen verändern. Ist der Teil des Erbguts verändert, der die Information für einen Blutgerinnungsfaktor trägt, fehlt dem Körper dieser „Bauplan“ und er kann den entsprechenden Faktor nicht herstellen. Bei Menschen mit Hämophilie ist ein Gerinnungsfaktor fehlerhaft oder zu wenig beziehungsweise gar nicht vorhanden.

Die Mutationen, die zur Erbkrankheit Hämophilie führen, werden rezessiv, genauer gesagt X-chromosomal-rezessiv vererbt. Das heißt, beide Chromosomen eines Chromosomenpaars müssen die Erbgutveränderung tragen, damit sie zur Ausprägung kommt. Rezessiv ist das Gegenteil von dominant. Dominante Merkmale setzen sich auch durch, wenn sie nur einmal vorhanden sind.

Männer besitzen nur ein X-Chromosom. Wenn sie das X-Chromosom mit
dem fehlerhaften Bauplan für den Gerinnungsfaktor erben, haben sie keinen
Ersatzplan. Frauen besitzen den Bauplan doppelt, da sie zwei X-Chromosomen haben
und die Information auf beiden gespeichert ist. Ist eine Variante defekt, kann
das zweite X-Chromosom, auf dem das Gen funktioniert, dies ausgleichen. Darum
kommt es bei Frauen sehr selten zu einer Hämophilie. Allerdings können Frauen
das defekte Erbgut an ihre Kinder weitergeben. Man spricht dann davon, dass sie
Überträgerinnen oder Konduktorinnen der Erkrankung sind.

Eine Frau, die die Hämophilie an ihre Kinder vererben kann, ist eine Konduktorin.


Es gibt verschiedene Möglichkeiten der Vererbung einer Hämophilie:

  • Der Vater hat Hämophilie, die Mutter ist gesund. Alle Söhne sind gesund und die Töchter Konduktorinnen.
  • Der Vater ist gesund, die Mutter ist Konduktorin. Es besteht ein 50-prozentiges Risiko, dass die Söhne Hämophilie haben und die Töchter Konduktorinnen sind.
  • Der Vater hat Hämophilie, die Mutter ist Konduktorin. Es besteht ein 50-prozentiges Risiko, dass die Söhne Hämophilie haben. Die Töchter sind Konduktorinnen oder haben Hämophilie.

Es ist auch möglich, dass die Mutationen, die zur Hämophilie führen, spontan auftreten. Die Eltern haben also keine Veranlagung zur Hämophilie und vererben sie nicht. Diese Spontanmutationen treten bei Männern und Frauen ungefähr gleich häufig auf. Sie sind die Ursache der Erkrankung bei etwa einem Drittel der Personen mit Hämophilie.

Blutgerinnung

Wie verschließt unser Körper eigentlich Wunden – und was ist anders bei Personen mit Hämophilie? Neben dem Transport von Sauerstoff und der Wärmeregulation, gehört der Wundverschluss zu den wichtigsten Aufgaben des Blutes. Die Blutgerinnung findet nach einer Verletzung statt. Sie dient dazu, Blutungen zu stillen und den Blutverlust möglichst gering zu halten. Um eine Wunde wieder zu verschließen, laufen im Körper verschiedene Schritte nacheinander ab. Der Fachausdruck für Blutgerinnung ist Hämostase. Sie lässt sich in zwei Phasen einteilen: die primäre und die sekundäre Hämostase.

Blutgefäß bei Hämophilie A
Blut besteht aus Plasma und verschiedenen Zelltypen

Primäre Hämostase

Die primäre Hämostase sorgt für die Blutstillung nach einer Verletzung: Das geschädigte Blutgefäß verengt sich innerhalb von Sekunden (Vasokonstriktion), damit wir über die Wunde möglichst wenig Blut verlieren. Zusätzlich heften sich bestimmte Blutzellen, die Blutplättchen (Thrombozyten), von innen an die verletzte Stelle der Blutgefäßwand. Sie verkleben untereinander (Aggregation), bilden einen Pfropf (Thrombus) und sorgen so für den ersten Verschluss der Wunde. An diesem Prozess sind zum Beispiel der von-Willebrand-Faktor und Kollagen beteiligt. Der sogenannte „weiße Thrombus“ ist jedoch noch nicht stabil. Bis zu diesem Schritt funktioniert die Blutgerinnung auch bei Menschen mit Hämophilie.

Sekundäre Hämostase

Nach der Bildung des weißen Thrombus folgt die Bildung eines stabilen Wundverschlusses. Dafür wird die Gerinnungskaskade aktiviert: Bestimmte Eiweiße aus der Leber, die Gerinnungsfaktoren, sorgen innerhalb weniger Minuten für die weitere Reparatur der Wunde. Dafür läuft eine komplizierte Reaktionskette ab, bei der die unterschiedlichen Gerinnungsfaktoren aktiviert werden. Am Ende der Kaskade entsteht das Eiweiß Fibrin – und daraus ein stabiler „roter Thrombus“ zur Abdichtung der Wunde. Er ist rot, da die Fibrinfäden ein Netz bilden, in das sich rote Blutkörperchen (Erythrozyten) einlagern.

Die Blutstillung bei einer kleinen Wunde dauert normalerweise 1 bis 3 Minuten.

Blutgerinnung bei Hämophilie A
Für den Wundverschluss sind besonders Blutplättchen und Fibrin wichtig.

Störung der Blutgerinnung bei Hämophilie

Die Gerinnungsfaktoren aktivieren sich normalerweise gegenseitig in einer ganz bestimmten Reihenfolge. Ähnlich wie bei einem Dominoeffekt kann der nächste Faktor nur von seinem Vorgänger aktiviert werden. Bei Hämophilie fehlt ein bestimmter Gerinnungsfaktor – die Blutgerinnung läuft nicht vollständig ab und es kann sich kein stabiler Fibrinthrombus bilden. Durch diesen Gerinnungsdefekt dauern Blutungen deutlich länger und können sehr gefährlich werden.

Bei einer Hämophilie läuft die Blutgerinnung unvollständig ab.

  • Normalerweise aktiviert ein Gerinnungsfaktor den nächsten, wie Dominosteine, die der Reihe nach umfallen.
  • Am Ende der Gerinnungskaskade entstehen normalerweise Fibrinfäden für den Wundverschluss.
  • Bei Hämophilie fehlt ein Blutgerinnungsfaktor. Die Kaskade läuft nicht bis zum Ende ab und es werden keine Fibrinfäden gebildet.

Herausforderung Gelenkblutungen

Bei Hämophilie kann es zu Muskel- und Gelenkblutungen kommen. Diese können auch spontan entstehen, also ohne eine äußere Ursache. Am häufigsten kommt es in Sprung-, Knie- und Ellenbogengelenken zu Spontanblutungen. Das Problem dabei ist, dass es beim Abbau des Blutes zu Entzündungen im Gelenk kommt. Bestehen die Entzündungen über eine längere Zeit oder kommt es öfters zu Entzündungen, kann es zu Veränderungen der Gelenkinnenhaut und des Knorpels kommen – man spricht dann von einer hämophilen Arthropathie (Hämarthrose). Um solche Folgeerkrankungen zu vermeiden, sollten Gelenkblutungen direkt behandelt oder, am besten, durch die richtige Hämophiliebehandlung vorgebeugt werden.

  • Ein Riss der Gelenkinnenhaut kann zu einer Gelenkeinblutung führen.
  • Akuter Verlauf einer einmaligen Gelenkblutung

  • Bei häufigen Einblutungen kann das Gelenk sich entzünden.
  • Durch eine Gelenkblutung kann ein Kreislauf entstehen, wodurch ein Gelenk immer stärker geschädigt wird.

Symptome der Hämophilie

Anzeichen für eine Hämophilie können sich bereits ab der Geburt zeigen. Wie stark die Symptome ausgeprägt sind, hängt vom Schweregrad der Erkrankung ab.

Symptome der Hämophilie können
sein:

Heutzutage lässt sich eine Hämophilie gut behandeln. Eine regelmäßige Hämophilietherapie beugt Blutungen vor und kann Folgeschäden wie schmerzhafte Gelenkversteifungen verhindern. Größere Muskelblutungen können Nerven schädigen, da sie auf das umliegende Gewebe, andere Blutgefäße und Nerven drücken. Hirnblutungen können das Denkvermögen und den Gleichgewichtssinn beeinträchtigen und sind im schlimmsten Fall lebensgefährlich. Schwere Gelenkschäden mit einer eingeschränkten Bewegungsfähigkeit durch Gelenkeinblutungen kamen häufig vor, als es noch keine Medikamente zur Behandlung der Bluterkrankheit gab. Inzwischen sind solche Langzeitfolgen und schweren Komplikationen in Deutschland praktisch nicht mehr zu sehen. Grund dafür ist die in der Regel frühzeitig begonnene konsequente Prophylaxe-Therapie.

Diagnose der Hämophilie

Es gibt verschiedene
Untersuchungsmethoden, um eine Hämophilie zu erkennen. Wenn ein Kind sehr
leicht blaue Flecken bekommt oder nach kleinen Verletzungen oder Stößen
ungewöhnlich stark blutet, sollte es auf eine Blutgerinnungsstörung getestet
werden. Ist die Hämophilie in einer Familie bekannt, kann man bereits während
der Schwangerschaft untersuchen, ob das Kind die Hämophilie geerbt hat.

Bestätigt eine Blutuntersuchung, dass es sich um eine Gerinnungsstörung handelt, kommen weitere Tests infrage. Diese spezifischeren Tests liefern genaue Ergebnisse, um welche Form der Gerinnungsstörung es sich handelt.

Der Facharzt für Erkrankungen des Blutes ist der Hämatologe.

Diagnose bei Kindern

Zahlreiche Tests können feststellen, ob das Blut normal, zu schnell oder zu langsam gerinnt. Einige Standardtests sind jedoch bei einer Hämophilie unauffällig, wie zum Beispiel der Quick-Wert.

Zu den Gerinnungstests gehören zum Beispiel der aPTT-Wert und die Kugelkoagulometrie: Der aPTT-Wert ist ein unspezifischer Test, der die Gerinnungszeit misst. aPTT steht für aktivierte partielle Thromboplastinzeit die Zeit, die das Blut im Labor zur Gerinnung braucht, nach der Zugabe einer bestimmten Substanz. Dieser Wert hängt von verschiedenen Gerinnungsfaktoren ab. Man kann daher nur die Aussage treffen, ob die Gerinnungszeit normal oder verändert ist – aber nicht, weshalb sie verändert ist. Bei Hämophilie gerinnt das Blut langsamer, der aPTT-Wert ist verlängert.

Die Kugelkoagulometrie misst die Gerinnungszeit auf mechanische Weise. Gerinnt das Blut, verändert sich die Lage einer kleinen Kugel, die sich im Blutröhrchen befindet. Diese Lageveränderung kann man messen. Bei einer Hämophilie ist der Wert erniedrigt, da die Blutgerinnung verlangsamt ist.

Zu den spezifischen molekularen Untersuchungen gehören:

Für eine frühe Diagnose direkt nach der Geburt ist auch eine Bestimmung der Gerinnungsfaktoren aus Nabelschnurblut möglich.

Diagnose während der Schwangerschaft

Die Möglichkeit, bereits während der Schwangerschaft zu untersuchen, ob ein Kind mit Hämophilie auf die Welt kommen wird, ist besonders für Familien wichtig, in denen Familienmitglieder bereits Hämophilie haben oder für Frauen, die wissen, dass sie die Erkrankung weitergeben können.

Mögliche Diagnoseverfahren während der Schwangerschaft sind:

Formen der Hämophilie

Je nach defektem Gerinnungsfaktor wird die Hämophilie in unterschiedliche Formen eingeteilt. Ist der Gerinnungsfaktor VIII (FVIII) betroffen, handelt es sich um eine Hämophilie A. Bei der verminderten Bildung von Faktor IX (FIX) spricht man von einer Hämophilie B. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Erbgutveränderung vererbt wurde oder spontan entstanden ist. Bei beiden Formen kann die Blutgerinnungskaskade nicht vollständig ablaufen.

Einteilung der Hämophilie

Form der Hämophilie Hämophilie A Hämophilie B
Verringerte Aktivität von Gerinnungsfaktor VIII Gerinnungsfaktor IX
Häufigkeit 1 von 5.000
Menschen
1 von 30.000
Menschen

Hämophilie A kommt fünf- bis sechsmal häufiger vor als Hämophilie B.

Hämophilie A mit Hemmkörpern

Etwa jede dritte Person, die eine Faktor-VIII-Ersatztherapie bekommt, entwickelt im Laufe ihres Lebens Hemmkörper. Das sind Eiweiße (Antikörper), die vom körpereigenen Immunsystem als Reaktion auf den als Medikament gegebenen Faktor VIII gebildet werden. Hemmkörper binden an Faktor VIII und blockieren seine Funktion. Faktormedikamente wirken dadurch weniger oder gar nicht mehr. Es gibt verschiedene Behandlungsmöglichkeiten, die stattdessen infrage kommen. Bei einer schweren Hämophilie kommt es deutlich öfter zur Bildung von Hemmkörpern als bei einer leichten Form.

Erworbene Hämophilie

In seltenen Fällen ist eine Hämophilie nicht die Folge einer Erbgutveränderung. Die erworbene Hämophilie ist nicht von Geburt an vorhanden, sondern entwickelt sich im Laufe des Lebens. Das Immunsystem bildet Antikörper gegen den körpereigenen Blutgerinnungsfaktor, weshalb er seine Funktion nicht mehr erfüllen kann. Man nennt sie auch Anti-Faktor-VIII-Antikörper. Ursache können eine Autoimmunerkrankung, bestimmte Krebserkrankungen oder Erkrankungen, die die Blutbildung betreffen (lymphoproliferative Krankheiten) sein.

Weitere Blutgerinnungsstörungen

Es gibt noch andere Erkrankungen der Blutgerinnung. Sie unterscheiden sich auch in ihrer Vererbung von der Hämophilie.

Schweregrade der Hämophilie A

Hämophilie A kommt in unterschiedlichen Ausprägungen vor. Je nach Stärke der Blutungsneigung unterscheidet man drei Schweregrade: Die leichte, mittelschwere oder schwere Hämophilie. Die Schwere der Erkrankung hängt davon ab, wie sehr die Aktivität des Faktors VIII verringert ist. Je geringer die Restaktivität ist, umso langsamer gerinnt das Blut.

Ist eine erhöhte Blutungsneigung kaum oder nur nach Operationen und schweren Verletzungen zu bemerken, spricht man von einer Subhämophilie. Manchmal wird sie auch mit der leichten Form einer Hämophilie zusammengefasst. Bei einer leichten Hämophilie sind meist kaum Beschwerden im Alltag vorhanden.

Bei einer mittelschweren Hämophilie kommt es nur selten zu spontanen Blutungen ohne einen erkennbaren Grund. Die Blutungen nach einer Verletzung oder einer Operation halten länger an als gewöhnlich.

Bei einer schweren Hämophilie können schon leichte Stöße schwere Blutungen auslösen. Es kann es auch ohne äußere Ursache zu Blutungen kommen (Spontanblutungen) sowie zu Gelenk- und Muskelblutungen oder Blutungen in inneren Organen.

Einteilung der Hämophilie A nach Schweregraden

Schweregrad Symptome Faktor VIII
Aktivität
Subhämophilie Meist ohne Symptome 16 – 50 %
Leichte Hämophilie Starke Blutungen und blaue Flecke
nach Verletzungen
6 – 15 %
Mittelschwere
Hämophilie
Seltene spontane Blutungen und großflächige
blaue Flecke nach leichten Verletzungen
1 – 5 %
Schwere Hämophilie Spontane Blutungen, spontanes Auftreten
blauer Flecken
<1 %

Therapie der Hämophilie

Eine Hämophilie lässt sich gut mit Medikamenten behandeln. Damit es nicht zu Blutungen kommt, ist, abhängig vom Schweregrad, eine lebenslange Behandlung erforderlich. Dabei unterscheidet man zwischen einer Dauertherapie (Prophylaxe) zur Vorbeugung von Blutungen und der akuten Therapie, bei der die Medikamente nach Bedarf angewendet werden.

Durch die Behandlung sollte die Blutungsrate möglichst Null sein.

Faktor-VIII-Ersatztherapie

Eine Therapiemöglichkeit der Hämophilie A ist die sogenannte Faktor-VIII-Ersatztherapie, auch Faktor-VIII-Substitution oder Substitutionstherapie (substitutio = Ersatz) genannt. Die Medikamente ersetzen den fehlenden Gerinnungsfaktor und übernehmen im Körper seine Funktion. Es befinden sich sowohl plasmatische (aus Blutproben gewonnene) als auch rekombinant (biotechnologisch im Labor) hergestellte Präparate auf dem Markt. Die Medikamente werden als Spritzen (Injektionen) in eine Vene (intravenös) verabreicht. Wie häufig die Gabe eines Faktorkonzentrats zur prophylaktischen Behandlung nötig ist, hängt von der Halbwertszeit der verschiedenen Präparate ab.

Bei der Bedarfstherapie („On-Demand-Therapie“) kommen Faktor-VIII-Medikamente nur bei akuten Blutungen zum Einsatz. Welche Medikamentendosis nötig ist, richtet sich nach dem Körpergewicht, dem Schweregrad der Hämophilie A sowie der Stärke und dem Ort der Blutung. Vom jeweiligen Hämophilie-Zentrum bekommen betroffene Personen alle wichtigen Informationen zur Anwendung der Faktorpräparate im Akutfall. Diese Therapie kann akute Blutungen stillen, aber keine Blutungen vorbeugen.

Sind Hemmkörper vorhanden, kann eine Immuntoleranztherapie (ITT) infrage kommen. Dadurch soll sich der Körper an die Faktor-VIII-Ersatztherapie gewöhnen. Bei dieser Therapie ist es nötig, sich über längere Zeit sehr hohe Dosen Faktor VIII zu injizieren. Das Ziel ist, dass das Immunsystem den Faktor toleriert und keine Hemmkörper mehr produziert. Weitere Möglichkeiten zur Behandlung einer Hemmkörperhämophilie sind Bypass-Präparate und die nicht-Faktor-basierte Therapie.

Haltbarkeit von Faktor VIII im Blut

Der verabreichte Faktor VIII wird vom Körper innerhalb einer bestimmten Zeit abgebaut. Die Faktor-VIII-Konzentration sinkt im Blut unterschiedlich schnell, abhängig von der Halbwertszeit des Präparats. Daher sollten Sport, Physiotherapie und andere Aktivitäten, die ein erhöhtes Verletzungsrisiko mit sich bringen, idealerweise am selben Tag oder zeitnah nach der Behandlung stattfinden. Dann ist der Schutz vor Blutungen am höchsten.

Zwischen den einzelnen Faktorgaben kommt es zu sogenannten Talspiegeln. In dieser Zeit ist die Restaktivität des Faktors im Körper gering, sodass es leichter zu Blutungen kommen kann.

Die Faktor-VIII-Aktivität sinkt nach einer Medikamentengabe. In einem sogenannten Talspiegel ist das Risiko für Blutungen höher.

Bypass-Therapie

Sogenannte Bypassing- oder Bypass-Medikamente enthalten keinen Faktor VIII sondern andere Wirkstoffe. Daher sind sie zur Behandlung einer Hemmkörperhämophilie geeignet. Diese Präparate müssen ebenfalls in die Vene gespritzt werden. Bypassing-Medikamente können zur Prophylaxe und als Bedarfsbehandlung infrage kommen.

Nicht-Faktor-basierte Therapie

Die Nicht-Faktor-basierte Therapie ist geeignet für Personen mit einer schweren Hämophilie A (hereditärer Faktor-VIII-Mangel, FVIII < 1 %) ohne Faktor VIII-Hemmkörper oder einer Hämophilie A (hereditärer Faktor-VIII-Mangel) mit Faktor-VIII-Hemmkörpern. Da der Wirkstoff ganz anders aufgebaut ist als der Gerinnungsfaktor VIII, beeinflussen Hemmkörper die Wirksamkeit dieser Therapie nicht. Sie dient zur Vorbeugung von Blutungen.

Wie Du siehst gibt es zahlreiche Therapiemöglichkeiten für Deine Hämophilie A. Besprich mit Deinem Hämophilie-Behandler, welche Therapie am besten für Dich geeignet ist.

Du möchtest noch mehr über Hämophilie wissen? Unter „Wissen“ findest Du zum Beispiel umfangreiche Infos zu Sport mit Hämophilie, Physiotherapie, Zielgelenken und Tipps, wie Du Blutungen vorbeugen kannst.

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Blutgerinnung bei Hämophilie A